Am Schuß

Zur Katastralgemeinde Mollendorf gehört der Ort ,,Am Schuß". Diese Siedlung liegt am Zusammenfluss des Wehrbaches (Heiligenbluterbach) und des Weitenbaches. Um 1430 lautete der Name schon so wie heute und bezeichnete das unter einem unterschlächtigen Wasserrad heftig hervorschießende Wasser. Mühle und Sägewerk wurden betrieben.
1896 kaufte Michael Bleicher aus Pöggstall diese Betriebe samt Ziegelei und führte sie weiter, nach ihm sein Sohn Karl. Im Jahre 1940 übernahm dann Raimund Bleicher Mühle, Sägewerk und Landwirtschaft. Sein Bruder erhielt das Ziegelwerk und erzeugte ab 1948 Mauer- und Dachziegel. Diese Produkte waren wegen der überdurchschnittlichen Qualität des Lehms sehr dauerhaft und gefragt. 1976 wurde die Ziegelei stillgelegt und 1990 von Walter Bleicher erworben, der auch das Sägewerk weiterführt.
Einen imposanten Eindruck erweckt das Gasthaus (Vierkanter) an der Einmündung der Landeshauptstraße 81 von Spitz in die Weitental-Bundesstraße 216. Der Gasthof wird von der Familie Weitzenböck-Blauensteiner sehr ideenreich geführt.
1843 wurde das Haus nach einem Brand in seiner heutigen Form von Herrn Miedler aus Zogelsdorf erbaut. Die nächsten Besitzer waren Neuhauser und Alfons Hofer. Dessen Tochter, Gertrude Hafner, verkaufte das Gasthaus an die heutigen Besitzer. Die wirtschaftliche Bedeutung des Hauses war vielfältig. Aus einem Steinbruch an der Spitzer Straße wurde Kalkstein gewonnen und gebrannt sowie Schotter, zuerst händisch, später mit einer Quetsche, für den Straßenbau gebrochen und mit eigenen Pferden abtransportiert. Ausgedehnte Stallungen sind vorhanden, da sich hier eine Umspannstelle für die Pferde der Postkutsche befand. Große Bedeutung hatte auch der Güterverkehr (Holz) zur Donau. Ein wunderschöner Arkadenhof gibt heute noch Zeugnis von der großen Bedeutung dieses Hauses.
,,Am Schuß" war immer schon in das Ortsgeschehen von Weiten mit einbezogen. So war unter Gastwirt Alfons Hofer jeder vierte Feuerwehrball bei ihm. Die ,,Ostermusi" und die ,,Rekrutenmusi" im Herbst waren fixe Bestandteile im Jahresablauf.
In den Jahren 1976/77 wurden die landwirtschaftlichen Gründe der Kirche in Weiten und der Fam. Raimund Bleicher am Fuße des Moosberges zur Verbauung zur Verfügung gestellt (3 ha). Zum Zwecke der Aufschließung musste über den Weitenbach eine Brücke errichtet werden. 25 Parzellen standen zur Verfügung. Die Freileitung der EVN im Siedlungsgebiet kam unter die Erde, eine biologische Kläranlage wurde errichtet und im Einvernehmen mit den Bewohnern der neuen Siedlung gestaltete die Gemeinde unter Bgm. Ök.-Rat Ludwig Holzinger die Straßen, Plätze, Grünflächen und Ortsbeleuchtung. Die jüngst abgehaltenen Dorffeste und der weihnachtliche Fensterschmuck (1999) zeugen von einer florierenden Gemeinschaft.
Heute ist ,,Am Schuß" die zweitgrößte Ortschaft in der Marktgemeinde Weiten mit 33 Häusern und 136 Einwohnern.
Ein weiterer bedeutender Betrieb ist das Transportunternehmen Franz Bleicher. 1906 kaufte der schon ansässige Michael Bleicher die Brandstatt einer ehemaligen Schmiede und späteren Mühle der Fam. Puschacher. Er errichtete eine Walzmühle, die 1969 abbrannte. Franz Bleicher eröffnete eine Baustoffhandlung, die sich seit 1990 auf Fliesen spezialisiert hat. Das seit 1939 bestehende Transportunternehmen wurde ausgeweitet. Daraus entwickelten sich die grün-gelben, internationalen Transporte von Martha und Franz Bleicher mit 26 eigenen Lastzügen, die in ganz Europa unterwegs sind. 36 Mitarbeiter werden beschäftigt. 1990 konnte auch eine Niederlassung in Thüringen erworben werden.
Die EVN errichtete in Am Schuß 1957 eine Abzweigung für die Stromversorgung von Weiten, 1969 eine Schaltstation und 1979/80 ein Umspannwerk für eine 110-kV-Leitung.Gegenüber dieser Anlage, am linken Weitenbachufer, ist ein Stollen zu sehen. Hier dürfte von den Rogendorfern im 16. Jahrhundert nach Eisenerz gegraben worden sein. Das Vorkommen war aber nicht abbauwürdig.
Am gegenüberliegenden Ufer errichtete der Verschönerungsverein Weiten in den dreißiger Jahren ein Freibad mit sechs Umkleidekabinen. Diese standen den Sommergästen zur Verfügung.
Ein weiterer, sehr bekannter Betrieb war die Zimmerei der Gebrüder Draxler. Gegründet um 1900, arbeiteten hier bis zu 40 Zimmerleute und Helfer. Mit einem mobilen Gatter fuhr man zu den einzelnen Baustellen. 1949/50 wurde das Werk in Am Schuß mit einer eigenen Säge-, Hobel- und Trocknungsanlage errichtet. 12 bis 15 Mitarbeiter waren beschäftigt; 1998 wurde dieser wertvolle Betrieb leider geschlossen.
In unmittelbarer Nachbarschaft errichtete der Maurermeister Gottfried Deutsch ein Haus. Er erzeugte Betonwaren (vorher im Haus neben Med.-Rat Dr. Thöni). Die Fam. Erwin Kristen erwarb 1993 diesen Besitz.
Gerda und Josef Altmann errichteten 1985 ihren neuen Elektrobetrieb samt Geschäft an der Straße zur Mollenburg, da ihr früherer Standort in Weiten im Domeyer-Haus zu klein wurde. Zwölf Elektriker finden hier Arbeit. Die Kundschaft ist bis zu 70% im Raum Wien zu finden.
Das Wendlhaus gehörte zur Mollenburg. Es waren hier eine Schmiede, eine Säge und eine Mühle in Betrieb. Teile des Wehrbaches sind noch vorhanden. Wie in Am Schuß, so arbeitete auch hier ein unterschlächtiges Wasserrad. Theodor Wendl kaufte um 1900 dieses Haus und eröffnete ein Gasthaus samt Gemischtwarenhandlung. Er war der Meinung, dass die geplante Verbindungsbahn Martinsberg-Weitenegg hier ihren Bahnhof hätte. In den zwanziger Jahren erwarben die Österreichischen Bundesforste das Wendlhaus und vermieteten es an eigene Forstarbeiter bzw. andere Wohnungsuchende. Im Jahre 1972 kaufte der jetzige Besitzer, Schmiedemeister Eduard Wesselak, den Besitz.
Zwischen Am Schuß und Streitwiesen liegt Greißl. Der Name geht auf einen Besitzer names Griso oder Grisel zurück (Plesser). 1404 wird hier schon eine Mühle genannt (Gesch. Blg. IX. 209). Dieser Greißlhof ist mit dem Anwesen der Fam. Ök.-Rat Ludwig und Hermine Holzinger (Bürgermeister der Großgemeinde Weiten von 1975 bis 1995) ident. Alte Mauern mit Schießscharten und Gewölben weisen auf ein hohes Alter des Hauses hin. Außerdem sind Reste des Wehrbaches für die Mühle noch vorhanden. 1963 bis 1965 entstand hier unter der Bauberatung der NÖ Landesregierung (Hofrat DI Franz Schörghuber) der erste Aussiedlerhof (auslaufende Betriebe sollen durch Modernisierung erhalten bleiben).
Einen imposanten Eindruck hinterließ der mächtige Vierkanter neben der Bundesstraße. Franz Morawetz errichtete ihn in der Zwischenkriegszeit. Es gehörten 35 ha Grund dazu. F. Morawetz war Hotelier in Krems. Herr Morawetz erwarb für seine Frau Luise das ,,Luisenheim" in Weiten. Heute ist dieses Haus im Besitz der Wiener Familie Bauer.
1998 wurde der Gutshof im Zuge des Ausbaues der B 216 abgetragen. Ein Teil des Grundbesitzes (südlich von Streitwiesen) kann als Bauland erworben werden. Zwischen Straße und Weitenbach steht ein langgestrecktes Gebäude. Hier erzeugte ein Herr Wiesenburg von 1870 bis 1885 Seidenbänder. Der nächste Besitzer war die Fam. Chamberlain. Von der erwarb der Wiener Martin Roß 1910 den Besitz. Er erbaute eine neue Wehranlage und die Villa. Die Fabrik stand still. 1938 wurde M. Roß deportiert (er war Jude) und seine Gattin verpachtete 1943 die Fabrik an die Wiener Apothekerfamilie Püschl. In dieser Zeit blühten Fabrik und gesellschaftliches Leben. Theaterstücke, Bälle, gesellige Nachmittage wurden veranstaltet. 30 Personen, vor allem junge Frauen aus der Umgebung, arbeiteten hier. Auf den dazugehörigen Grundstücken wurden Heilpflanzen (wie Kamille, Königskerze, Pfefferminze, Fingerhut, ...) angebaut und zu Heiltees, Zahnpasta und Herztropfen (Digitalis) verarbeitet. Zu Beginn sorgte ein Windrad, später eine eigene Turbine, für elektrischen Strom. Hier gab es auch ein eigenes Postamt und eine Postautohaltestelle. 1959 wurde der Betrieb aufgelassen. Das Gebäude begann zu verfallen. Einzig die Familie Leopold Gierer, ehemalige Mitarbeiter der Fa. Püschl, wohnte noch hier. Herbert Dworschak sen. kaufte die Liegenschaft im Jahre 1960, und sein Erbe, Ing. Herbert Dworschak, sanierte das Haus und verlegte 1987 sein Häutelager von Weiten hierher. Wurden die Häute im Weitener Lager zwecks Haltbarkeit noch gesalzen, werden sie nun durch Eis konserviert.Wenn man vom Scheitelpunkt des Greißlberges zum Weitenbach hinabsteigt, sind noch Reste einer ehemaligen Schmiede zu erkennen.

 

Gesammelt von Ök.-Rat Ludwig Holzingerzusammengestellt von OSR Gottfried Schwarz


Impressum | 2006 Gemeinde Weiten